Dieser Artikel entstammt der Ausgabe ÖKOLOGIE & LANDBAU 03/2017 des Oekom Verlags

Schülergarten, Schnippeldisko und Solawi: Kann urbane Agrikultur tatsächlich unser problembeladenes Ernährungssystem verändern? Ja, meint Heidrun Moschitz. Nämlich dann, wenn Verwaltung und Politik die neuen Impulse aus der Gesellschaft aufnehmen und die urbane Agrikultur mit all ihren Möglichkeiten aktiv gestalten.

Nahezu drei Viertel der Bevölkerung leben in der industrialisierten Welt in Städten. Das bedeutet auch, dass drei Viertel der Verbraucher in Städten leben und über ihre Konsumgewohnheiten mitbestimmen, wie unser Ernährungssystem ausgestaltet ist: welche Lebensmittel erzeugt werden, ob bio, fairtrade oder konventionell, möglichst lokal oder global produziert, ob wir uns für Rohwaren entscheiden oder es bequemer haben wollen und zu vorgefertigten Produkten greifen. Wir entscheiden auch täglich, wo wir einkaufen, und damit über ein ganzes System an Logistik, die im Laufe der Jahre immer effizienter geworden ist und sicherstellt, dass wir zu beinahe jeder Zeit frische und hy gienisch einwandfreie Lebensmittel kaufen können. Entscheidungen über unsere Ernährung werden also von einer städtischen Bevölkerung bestimmt. Und dennoch ist in den Köpfen der Gesellschaft und in der politischen Praxis vor allem „die Landwirtschaft“ beziehungsweise die Agrarpolitik für unsere Ernährung zuständig. Die Rohstoffproduktion wird tatsächlich stark von der Agrarpolitik gesteuert, aber es ist doch verblüffend, wie unsere Lebensmittel vom Feld scheinbar in einer „Blackbox“ verschwinden und dann auf mehr oder weniger wundersame Weise in den Supermarktregalen wiederauftauchen. Wenig wissen wir über die Prozesse dazwischen, wollen es auch nicht immer wissen und nehmen es als selbstverständlich hin, dass der Supermarkt an der Ecke auch um 21 Uhr noch die volle Palette an Lebensmitteln zur Verfügung hat. Die Architektin und Autorin des Buches Hungry City, Carolyn Steel, bringt es auf den Punkt: „Wenn man bedenkt, dass für eine Stadt in der Größe von London jeden Tag genug Essen für 30 Millionen Mahlzeiten produziert, importiert, verkauft, gekocht, gegessen und wieder entsorgt werden und Ähnliches jeden Tag für jede Stadt auf dieser Erde geschehen muss, dann ist es bemerkenswert, dass diejenigen von uns, die in diesen Städten leben, überhaupt etwas zu essen bekommen. Städte zu ernähren, erfordert eine gewaltige Anstrengung […]. Dennoch ist nur wenigen von uns […] der Prozess bewusst. Das Essen landet wie von Zauberhand auf unseren Tellern, und wir halten selten inne, um uns zu fragen, wie es dorthin gelangt ist“ (Steel, 2008, Übers. d. Autorin). Angesichts dieser Bedeutung der städtischen Perspektive auf das Ernährungssystem stellt sich die Frage, welche Rolle urbane Agrikultur spielen kann. Welchen Beitrag kann sie leisten zur großen gesellschaftlichen Debatte um die Zukunft und Transformation unserer Ernährung, die zunehmend eine Frage nach der Ernährung einer städtischen Bevölkerung ist? Dabei wähle ich den Begriff „urbane Agrikultur“ ganz bewusst, um darauf hinzuweisen, dass die vielfältigen Aktionsfelder und Tätigkeiten der urbanen Landwirtschaft eine Vielzahl soziokultureller Aspekte beinhalten, die in verschiedene gesellschaftliche Lebensbereiche eingreifen (siehe Artikel Frühschütz, S. 12 ff.). Es geht also um mehr als die reine Anbautechnik und Lebensmittelproduktion, die ohne großen technischen Aufwand in Gemeinschaftsgärten oder mobilen Pflanzboxen stattfinden kann, ebenso wie hochtechnologisiert in Hochhaus-Gewächshäusern. Der Begriff urbane Agrikultur legt den Fokus auf die Fragen, die die spezifischen Techniken und Praktiken in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen aufwerfen.

 

Lebensmittelproduktion begreifen

FOTO: FiBL/Marion Nitsch

Gemeinschaftsgärten bringen Menschen aus einem Quartier oder Wohnblock wieder zusammen, die sich sonst wenig begegnen, und bieten ein Angebot, über die praktische Lebensmittelproduktion den sozialen Zusammenhalt einer Stadt zu fördern. In interkulturellen Gärten liegt der Schwerpunkt des Austausches auf dem Vermitteln zwischen unterschiedlichen Kulturen – auch dies ein immer wichtiger werdender Baustein für eine soziale Entwicklung in Städten. Teilhabe an der Gesellschaft fördert schließlich nicht nur das individuelle Wohl befinden, sondern ist ein wichtiger Schritt für die Integration und ein dauerhaft friedliches Zusammenleben. Aber auch bildungspolitisch leistet urbane Agrikultur einen Beitrag. Sei es durch das praktische Lernen der Aktiven in gemeinsamen Gärten oder ganz gezielt in Schulgärten, wo Kinder unterschiedlicher Altersstufen durch den praktischen Anbau einen neuen Zugang zu Lebensmitteln erhalten. Neben dem Lernen über praktische Fragen des Anbaus und der Saisonalität bieten sich hier auch weiterführende Bildungsinhalte über wirtschaftliche, ökologische, soziale und politische Dimensionen der Ernährung an. Neuere kreative Formen des Gemüseanbaus wie bewegliche Container, Permakultur, oder auch essbare Fassadenbegrünungen laden als kreative Experimente ein, Essen und Ernährung auch kulturell und lustvoll zu begreifen. Ebenso ermöglichen Kochevents mit saisonalen Produkten oder solchen, die für die industrielle Verarbeitung aussortiert wurden, eine genussvolle Auseinandersetzung mit den Hintergründen verschiedener Esskulturen und unserem Einfluss auf das Ernährungssystem. Aber auch landwirtschaftliche Betriebe, die ihre Produkte auf einem Stadtmarkt oder auf dem Hof direkt vermarkten, bieten eine Plattform, um über unser Verhältnis zwischen Produktion und Konsum nachzudenken und an alternativen regionalen Wirtschaftsformen teilzuhaben. Urbane Agrikultur spricht Elemente des Ernährungssystems also auf sehr vielschichtige Weise an und macht dadurch Ernährung wieder sichtbar. Sie wird zum Gesprächsstoff, wenn sich Passanten über die wild (vielleicht durch „Guerilla-Gardening-Aktionen“) gewachsenen Tomaten auf der Verkehrsinsel unterhalten, wenn in der Stadtbibliothek auf einmal ganze Regale zum Thema Gärtnern und Lebensmittelproduktion gestaltet werden oder eine Schafherde an einem Bauernmarkt in der Stadt weidet.

 

Im Dialog bleiben

Urbane Agrikultur kann somit den Dialog zwischen Produktion und Gesellschaft wieder befeuern. Sie ist nicht nur eine Spielwiese kleinerer kreativer Kreise der Stadtbevölkerung, sondern bietet auch den landwirtschaftlichen Betrieben im stadtnahen Umland viele Gestaltungsmöglichkeiten. Spannend wird urbane Agrikultur in diesem Zusammenhang vor allem dort, wo traditionell organisierte Landwirtschaftsbetriebe und neue Formen der Agrikultur Partnerschaften eingehen und die in modernen Zeiten aufgebauten Grenzen zwischen Stadt und Land, Produktion und Konsum überschreiten. So stellt ein landwirtschaftlicher Betrieb in Basel zum Beispiel einen Teil seiner Flächen für den neuen Schulgarten des Gymnasiums auf der anderen Straßenseite zur Verfügung, sodass dort Bildungs- und Erlebnisprojekte von Aktivisten städtischer Landwirtschaft für Schüler stattfinden können. Die Stadt Lausanne in der Westschweiz wiederum hat beschlossen, einen städtischen Betrieb an eine Arbeitsgemeinschaft zu übergeben, die diesen nun nach Permakultur-Grundsätzen bewirtschaftet, mit anderen Bewirtschaftungssystemen und -organisationen experimentiert und gleichzeitig Gemüse an öffentliche Kantinen der Stadt liefert. In beiden Fällen entstanden neue Partnerschaften zwischen Akteuren, die bisher wenig miteinander zu tun hatten. Vielfältige Herangehensweisen an das Thema Ernährung treffen aufeinander, vermischen sich und befruchten so die Debatte über die Zukunft unserer Ernährung.

 

Individuelle Umstände berücksichtigen

Ein beträchtlicher Anteil landwirtschaftlicher Betriebe liegt in Stadtnähe: Beispielsweise befinden sich 28 Prozent aller Betriebe in der Schweiz in Agglomerationsgebieten; knapp 40 Prozent der Metropole Ruhr sind landwirtschaftliche Flä- chen und etwa 15 Prozent der Fläche der Stadt München (siehe SÖL-Grafik, S. 33). Diese Betriebe kämen damit für einen engeren Austausch mit einer Stadt insbesondere infrage. Dennoch ist es nicht für jeden Landwirtschaftsbetrieb eine Perspektive, Konsumenten sehr aktiv in den Betrieb einzubeziehen. Nicht alle möchten den unmittelbaren Austausch, der ja auch ein hohes Maß an Kommunikation bedeutet, und die nicht immer einfache Auseinandersetzung über Lebenswelten und Denkkulturen hinweg. Außerdem ist es nicht für alle tatsächlich eine sinnvolle Option aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Auch nicht jeder Konsument spürt das Bedürfnis oder hat die Zeit, selbst Gemüse anzubauen. Auch wenn ein Mangel an Ernährungsbildung von unterschiedlicher Seite beklagt wird, sollte es zu guter Letzt in einer freiheitlichen Gesellschaft doch auch jedem Einzelnen überlassen bleiben, wie viele Gedanken er sich beim täglichen Lebensmitteleinkauf machen möchte. Die gewachsenen Handels- und Vertriebsstrukturen für Nahrungsmittel haben ihre Berechtigung, sie sind nicht einfach in einem Vakuum entstanden, sondern ein Abbild unserer Lebenswirklichkeit, die ein unterschiedliches Maß an Möglichkeiten, Interesse, finanziellen und zeitlichen Ressourcen für den Lebensmitteleinkauf einschließt. Nichtsdestotrotz sollten Konsumenten dazu ermächtigt werden, mehr über ihre Nahrungsmittel und Ernährung zu erfahren, wenn sie das möchten. Eine bewusste Ausgestaltung urbaner Agrikultur bildet einen wichtigen Baustein in einer ganzheitlichen Ernährungspolitik, in der etwa Ernährungsräte (siehe Kasten, S. 23) installiert sind, um die Möglichkeiten einer Stadt auszuloten, die Ernährung ihrer Bürger nachhaltiger zu gestalten. Wichtig ist hierbei das Zusammenspiel von Verwaltung und Politik, den Wirtschaftsakteuren und der Zivilgesellschaft. Das beginnt bereits innerhalb der Verwaltung, wenn sich Vertreter unterschiedlicher Verwaltungsbereiche zusammensetzen, um ernährungsrelevante Themen gemeinsam zu diskutieren und neue Ansätze zu entwickeln, etwa die Bereiche Bildung und Erziehung (Schule) auf der einen und Umwelt oder Gesundheit auf der anderen Seite. Koordinierte Programme könnten dann Elemente urbaner Agrikultur beziehungsweise des Lebensmittelanbaus und der -verarbeitung in die Ausbildung der Schüler einbringen und gleichzeitig gesundheits- und umweltrelevante Aspekte über Ernährung und landwirtschaftliche Produktion und die Auswirkungen unseres Lebensmittelkonsums thematisieren. Ob das aktuelle Aufblühen urbaner Agrikultur langfristig einen Einfluss und positiven Effekt für eine nachhaltigere Ernährung in den Städten haben wird, hängt also nicht zuletzt davon ab, inwieweit die Impulse aus der Gesellschaft in den Verwaltungen und der Politik jetzt erkannt und aufgenommen und über sinnvolle Institutionalisierungen dauerhaft in einer zukunftsfähigen Stadtpolitik verankert werden. Es geht dabei nicht in erster Linie um eine möglichst lokale Versorgung einer Stadt mit Lebensmitteln aus dem unmittelbaren Umland – dafür sind Städte schon seit Langem viel zu groß (siehe Kasten, S. 19). Aber die Belieferung öffentlicher Kantinen mit Gemüse aus landwirtschaftlichen Betrieben in Stadtnähe, auf Betrieben integrierte Schulgärten oder zentrale Verkaufsstellen im Stadtzentrum für direktvermarktende Betriebe bieten Möglichkeiten, neu zu verhandeln, welche Landwirtschaft wir wollen und welche Konsummuster. Städte können in diesen Prozessen eine Vorreiterrolle einnehmen; hier kann auf einem begrenzten (und damit leicht erreichbaren) Raum vieles versucht und dürfen neue Wege getestet werden. Dies schließt auch einen Aufruf an die stadtnahe Landwirtschaft ein, die Erneuerung des Dialogs zwischen Stadt und Land als Chance zu begreifen für neue Wirtschaftsmöglichkeiten, Betätigungsfelder und Mitgestaltung der Transformation des Ernährungssystems. Sowohl in der Stadt wie auf dem Land ist ein neues Verständnis für Lebensmittelproduktion und -konsum notwendig, wenn unser Ernährungssystem zukunftsfähig sein soll.

 

Literatur:
Steel, C. (2008): Hungry city: how food shapes our lives. Chatto & Windus, UK-London

Autorin:
Dr. Heidrun Moschitz
Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Departement für Sozioökonomie
heidrun.moschitz@fibl.org

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